AKademie des Tanzes

Leitung: Prof. Birgit Keil

Geschichte / History

 

Mannheims Ballett und Ballettakademie in Geschichte und Gegenwart

Wie in der Musikgeschichte spielt Mannheim gleichermaßen in der Tanzgeschichte eine höchst bedeutsame Rolle. So wie die Instrumentalmusik der Wiener Klassik der berühmten Mannheimer Schule wesentliche Impulse verdankt, so war das Mannheimer Ballett und seine Meister wesentlich an der Ballettreform des 18. Jahrhunderts beteiligt, jener Reform die das Ballett erstmals zu einer vom gesprochenen Wort unabhängigen, ausschließlich vom tänzerischen Ausdruck getragenen dramatischen Form gestaltete.

Die mit dem kurfürstlichen Hoftheater verbundene Ballettpflege ist bereits ab Beginn des 18. Jahrhunderts mit dem Wirken des Ballettmeisters Paul de Floris (ab 1717) aktenkundig zu belegen, also noch Jahrzehnte bevor der kunstsinnige Kurfürst Karl Theodor Mannheim zu einem der bedeutendsten Kulturzentren des Reiches gestaltete.

Einen wesentlichen Impuls brachte das von Alessandro Galli-Bibiena erbaute und 1742 eröffnete Opernhaus, das von Reisenden wie Charles Burney wegen seiner Pracht und technischen Perfektion gepriesen wurde. Hier wirkte bereits zur Eröffnung der Choreograf Charles Gardel, dessen Sohn Maximilien, später bedeutender Ballettmeister der Pariser Opéra, 1741 in Mannheim geboren wurde. Hier wirkte aber vor allem auch die 1742 aus Lyon engagierte Tänzerfamilie Lauchery, in der außer den beiden Primaballerinen Lauchery la maggiore und Lauchery la minore vor allem Etienne Lauchery (1732-1820) eine herausragende Rolle als einer der wohl wichtigsten Exponenten des neuartigen dramatischen Handlungsballetts spielte. Im Zusammenwirken mit seinen Mannheimer Musikerkollegen Cannabich, Toeschi und Fränzl konnte er in den 1760er Jahren den neuen Ballettstil bereits erfolgreich am Hoftheater Kassel erproben, ehe er ihn, ab 1772 nach Mannheim zurückgekehrt, zu einem glanzvollen Höhepunkt führte, was auch heute noch anhand von rund 50 Librettodrucken und einigen wenigen Partituren nachvollziehbar ist.

Aus einem ganz besonderen Grund ist auch das Wirken von André Bouqueton von Bedeutung, der als Choreograf am kurfürstlichen Theater ab Mitte der 1750er Jahre zwar weniger experimentelle als vielmehr mit Divertissements und spektakulären Bühneneffekten versehen Ballette schuf, die üblicherweise als Zwischenakte der Opern oder Abschluss französischer Komödien, den Glanzpunkt des Abends bildeten. Bouquetons spezieller Verdienst war jedoch, in Mannheim um ca.1762 eine der ersten europäischen Tanzakademien errichtet zu haben noch vor Wien (1771 durch Noverre!) und lange vor Mailand und Moskau. Ziel dieser Institution, die ab 1772 von Lauchery geleitet wurde, war es, den heimischen Nachwuchs zu fördern und den großen Personalbedarf der Ballette (oft über 80 Mitwirkende) zu decken. „Die Ballette sind sehr glänzend und vollständig, und die Tänzer werden hier alle selbst gezogen“ berichtete der renommierte Gothaer Theater-Kalender für das Jahr 1777 über Mannheim.

Und noch ein Choreograf, der 1769/70 allerdings nur kurz in Mannheim wirkte, ist von Bedeutung, da dieser Signor Fabiani, zuvor Mitglied der Ballettkompanie der Ballettreformer Franz Anton Hilverding und Gasparo Angiolini, nachweislich die Verbindung mit Wien, dem wohl bedeutendsten Zentrum der Ballettreform herstellte. Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass in Wien wie in Mannheim das Theater dem breiteren bürgerlichen Publikum zugänglich war und nicht nur der höfischen Gesellschaft, wie dies an Herzog Karl Eugens Hoftheatern in Stuttgart und Ludwigsburg, der Wirkungsstätte Noverres, der Fall war. Die hohe Wertschätzung, der sich das Ballett am Mannheimer Theater erfreute, spiegelt sich übrigens nicht nur in der Zahl der jährlichen Aufführungen, sondern auch in der ungewöhnlich hohen finanziellen Dotierung dieser Sparte wider.

Mit der Verlegung der kurfürstlichen Residenz nach München wurde das Theater in Mannheim vollends eine Angelegenheit des aufstrebenden und selbstbewussten Bürgertums. Dieses wandte sich in der Folgezeit allerdings zunehmend dem am Nationaltheater gepflegten Schauspiel zu. Tanz und Ballett wurde zunächst in privaten Zirkeln und Schulen kultiviert.

Bald nach der anfangs des 19. Jahrhunderts erfolgten Gründung des Mannheimer Konservatoriums erkannte man die Notwendigkeit, dass auch der Tanz für eine umfassende künstlerische Ausbildung unverzichtbar sei. Versuche, das Ballett wieder am Theater zu etablieren, schlugen allerdings fehl und so behalf man sich bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit Gastspielen, für die übrigens zahlreiche Impulse aus Berlin kamen, wo der nun dort wirkende Etienne Lauchery und nach ihm sein Sohn Albert bis weit in die Ära der Romantik wichtigen Anteil am Ballettgeschehen hatten.

Erst ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Ballett wieder zum festen Bestandteil des Mannheimer Nationaltheaters und konnte an seine großen Traditionen anknüpfen, wobei zunächst vor allem Ballettmeisterinnen - von Louise Dänike bis Lisa Kretschmar und deren Elevinnen eine gefestigte Basis für eine neue Blüte des Balletts in Mannheim schufen. Überdies setzten bedeutende Exponenten des Deutschen Ausdruckstanzes wie beispielsweise Rudolf von Laban und Mary Wigman in der Zwischenkriegszeit, aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg - erinnert sei an Wigmanns Händel-, Gluck- und vor allem Orff- Inszenierungen - besondere Glanzlichter.

Mit der 1971 erfolgten Errichtung der Akademie des Tanzes an der Staatlichen Hochschule für .Musik und Darstellende Kunst Mannheim, hervorgegangen aus der Tanzabteilung der Musikhochschule Mannheim, schließt sich der Kreis und spannt den Bogen zurück zu den großen Traditionen Mannheims im 18. Jahrhundert. Die Leitung dieser Institution liegt seit 1997 in den Händen von Frau Prof. Birgit Keil, der international gefeierten großen Ballerina des Stuttgarter Balletts, die zusammen mit einem hochqualifizierten und engagierten Lehrerkollegium an die Tradition der Akademie eines Bouqueton und Lauchery anknüpft und jungen Menschen aus aller Welt auch aus solchen Quellen der Vergangenheit schöpfend, den Weg in die Zukunft weist.

 

Prof. Dr. Sibylle Dahms, 02.04.2000